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Artikel Bundesregierung und Parteien »Deutschland gießt Öl ins Feuer von Bürgerkriegen«. FREIBURG. Jürgen Grässlin ist Bundessprecher der Deutschen
Friedensgesellschaft. Für sein neues Buch »Versteck dich, wenn Sie schießen« hat der
Freiburger Realschullehrer in Somalia und Türkisch-Kurdistan Menschen be- sucht, die
offenbar durch deutsche Gewehre verwundet wurden. Mit Grässlin sprach Matthias Fuchs. BZ: Sie bezeichnen Kleinwaffen als
Massenvernichtungswaffen. Warum? Grässlin: Weil von hundert Kriegsopfern auf den
Schlachtfeldern dieser Welt 95 durch so genannte Kleinwaffen getötet werden, damit sind
dies die Massenvernichtungswaffen schlechthin. BZ: Wie konnten deutsche Waffen wie das G3-Gewehr,
jahrzehntelang die Standardwaffe der Bundeswehr, überhaupt in Krisengebiete gelangen? Grässlin: Zum einen durch Direktexporte des Herstellers Heckler
& Koch, der in Oberndorf am Neckar sitzt. Zum anderen wurden allein für das G3-Gewehr
in der Vergangenheit 15 Lizenzen zum Nachbau an Staaten wie Pakistan, den Iran,
Saudi-Arabien und die Türkei vergeben. Dadurch hat eine unkontrollierbare Verbreitung
stattgefunden. In Somalia und Kurdistan bin ich mehr als 200 Opfern von
Heckler-&-Koch-Waffen begegnet. Das G3 ist, neben der Kalaschnikow und dem
amerikanischen M 16, das meistverbreitete Gewehr der Welt. BZ: Die Lizenzvergaben liegen doch schon Jahrzehnte zurück. BZ: Wer entscheidet aber die Exporte? Grässlin: In brisanten Fällen der
Bundessicherheitsrat, dazu gehören unter anderem der Kanzler, der Wirtschafts- und
Außenminister. Der Rat entscheidet mit einfacher Mehrheit. Das grüne Gewissen wird durch
Joschka Fischer beruhigt, indem er gegen Exporte stimmt und dann doch exportiert wird. Die
Transfers von Kleinwaffen in Staaten, die nicht der Nato oder EU angehören, haben sich im
letzten Jahr verdoppelt. BZ: In welche Krisengebiete wird denn direkt exportiert? BZ: Was werfen Sie Heckler & Koch vor? Grässlin: Die Firma zeichnet sich durch eine
offensive Rüstungsexportpolitik aus, die bar jeglicher Hemmungen ist, selbst wenn es um
Lieferungen in Bürgerkriegsländer geht. Nach Nepal wollte man 65.000 G36 liefern. Am
Ende wurden nur einige Testwaffen exportiert. Allein mit einer davon hat der Königssohn
fast die gesamte Königsfamilie erschossen. Bis heute sind mehr als 1,5 Millionen Menschen
durch Heckler-&-Koch-Waffen gestorben. BZ: Aber sind nicht letztlich Menschen für Morde
verantwortlich, und nicht die Hersteller der Waffen? Grässlin: Natürlich, und ein klassisches Argument
von Heckler & Koch lautet: »Auch mit einer Gabel kann man jemanden erstechen.« Aber
es ist unglaublich schwierig, 40.000 Kurden zu »ergabeln«.
Grässlin: 2006 beschäftigt sich in New York eine UN-Konferenz
mit Kleinwaffen. Bis dahin wollen wir Opfer deutscher Waffen nach Deutschland einladen
und, falls möglich, auch die Geschäftsleitung von Heckler & Koch mit ihnen
konfrontieren. KLEINWAFFEN Zu Kleinwaffen zählt man Pistolen, Gewehre und
Maschinenpistolen. Als Kleinwaffe gilt auch das G3-Gewehr, das 1959 als Standardwaffe der
Bundeswehr entwickelt wurde: Die Rechte an der Konstruktion besaß die Bundesregierung.
SPD- und CDU-geführte Regierungen erteilten in den 60er- und 70er-Jahren Lizenzen zum
Nachbau des Gewehrs an mehrere Staaten. Meist untersagt die Bundesregierung den
Weiterverkauf der Nachbauten an Drittstaaten, nach Angaben von Jürgen Grässlin wird dies
von deutscher Seite aber nicht überprüft. mf Badische Zeitung vom 08.01.2005, S. 2
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