Interview »Kritische Aktionäre fordern
Rücktritt von Schrempp« im Deutschlandfunk
vom 30.04.2004
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Jürgen E. Schrempp
»Kritische Aktionäre fordern Rücktritt
von Schrempp«
Interview mit Jürgen
Grässlin,
Sprecher der Kritischen Aktionäre DaimlerChrysler
Moderation: Jochen Spengler
Spengler: Geradezu symbolisch für die
Probleme unseres Landes ist nicht nur die deutsche Fußballnationalmannschaft, sondern
auch das einstige Vorzeigeunternehmen, das einmal Daimler-Benz hieß. Erst scheiterte in
den 90er Jahren die Strategie, aus dem Autobauer einen integrierten Technologiekonzern mit
Rüstungs-, Elektronik- und Luftfahrtsparte zu machen, dann gab es eine neue Strategie.
Man wollte sich in Stuttgart wieder auf Autos konzentrieren, aber global. Aus Daimler-Benz
wurde DaimlerChrysler. Vor vier Jahren folgte der Einstieg bei Mitsubishi in Japan und bei
Hyundai in Südkorea. Doch der Aktienkurs der Welt-AG bröselte ständig. Offenkundig
wurde der Misserfolg dann vor einer Woche. DaimlerChrysler kündigte das Ende der
Finanzspritzen für Mitsubishi an. Am Telefon begrüße ich Jürgen Grässlin, Sprecher
der Kritischen Aktionäre bei DaimlerChrysler. Herr Grässlin, der Misserfolg hat für Sie
einen Namen und über den Namensträger haben sie sogar eine Biographie geschrieben mit
dem Titel »Der Herr der Sterne«.
Grässlin: Heute würde ich diesen Titel anders nennen und »Herr der Scherben«
schreiben, denn Herr Schrempp hat sich, wie das Abenteuer Mitsubishi zeigt, in den letzten
Monaten und Jahren, benommen wie ein Elefant im asiatischen Porzellanladen. Er hat viele
Scherben zerschlagen. Was wir als Aktionäre kritisieren müssen: Er ist der größte
Arbeitsplatz- und auch Kapitalvernichter der Bundesrepublik Deutschland in der
Wirtschaftsgeschichte. Als Aktionär von DaimlerChrysler hat man nun einen Aktienkurs von
einem Drittel des ursprünglichen Wertes. Es stimmt eigentlich gar nichts im Hause
DaimlerChrysler. Die Welt-AG ist gescheitert. Wenn Herr Schrempp konsequent wäre, würde
er sich nicht nur aus dem Geschäft mit Mitsubishi verabschieden, sondern auch
DaimlerChrysler wieder dem Markt übergeben.
Spengler: Nun war ja gestern in New York Aufsichtsrats- und Vorstandssitzung und danach
stand fest: Schrempp bleibt. Sind die Kollegen von Herrn Schrempp alle dumm und nur Sie
persönlich blicken durch, oder woran liegt das?
Grässlin: Ich hatte die Tage zuvor genau das prognostiziert, was jetzt eingetreten ist.
Das war meines Erachtens aber auch nicht überraschend, denn Herr Schrempp hatte ja 1996
nach dem Desaster mit dem Luftfahrtbauer Fokker eine ähnliche Situation zu überwinden.
Damals hatte er dem Aufsichtsrat angeboten: »Ich trete zurück, wenn Sie das bestimmen«,
hat aber gleichzeitig darauf hingewiesen, »Sie als Aufsichtsratsmitglieder haben ja
allesamt Übernahmen an dem Kauf von Fokker-Anteilen zugestimmt«. Die gleiche Situation
haben wir jetzt gehabt im Fall von Mitsubishi, denn, und das ist eine deutliche Kritik
meinerseits am Aufsichtsrat, seit 1989 hat dieser Aufsichtsrat immer mit 20 zu null
Stimmen, also auch mit den Stimmen der Gewerkschaft der Arbeitnehmerseite, zu Gunsten des
Vorstandesvorsitzenden, damals Reuter, heute Schrempp, entschieden.
Spengler: Also hat doch eigentlich Jürgen Schrempp in seiner Argumentation Recht:
mitgefangen, mitgehangen.
Grässlin: Mitgehangen, mitgefangen, deswegen müsste Herr Kopper auch gehen, nicht nur
Herr Schrempp. Herr Kopper ist genauso mitverantwortlich und der deckt seinen Duz-Freund
Schrempp, wo er nur kann. Das hat für DaimlerChrysler natürlich desaströse Folgen, denn
diese Verluste haben wir sowohl bei der Aktie, als auch beim Börsenwert, da haben wir
eine Halbierung und damit 40 Milliarden Euro Verlust. Das muss man sich mal vorstellen.
Die Aufsichtsräte sind kein Kontrollgremium bei DaimlerChrysler, sondern ein Gremium von
Marionetten, das nur abnickt.
Spengler: Das heißt auch, dass Sie die Vision einer Welt-AG für vollkommen falsch halten
oder halten Sie die für richtig und sie ist nur falsch umgesetzt worden?
Grässlin: Die ursprüngliche Vision war sicher korrekt, denn der Weltmarkt hat das
hergegeben. Es ist sicherlich richtig auf allen Weltmärkten in verschiedenen
Produktsparten präsent zu sein, nur hat man eben Mitsubishi gewählt seitens Schrempp und
nicht Nissan und man Chrysler gewählt. Sowohl Mitsubishi als auch Chrysler sind
Mittelklasseunternehmen, nicht nur für den Markt, sondern auch in der
Produktionsqualität. Mercedes-Benz ist nun die Perle der deutschen Autoindustrie, wenn
man das so pathetisch sagen darf, eine Geldmaschine ohnegleichen, denn die Qualität hat
zumindest bis zu dieser Fusion mit Chrysler gestimmt. Heute ist das nicht mehr der Fall.
Spengler: Nun scheint es da vielleicht eine Wende zu geben, die neuen Zahlen deuten es
jedenfalls an. Sie haben es schon gesagt: Mitverantwortlichkeit des Aufsichtsrates, der
Vorstandskollegen von Jürgen Schrempp. Inwiefern spielt denn für die heutige Misere die
Person Schrempps eine besondere Rolle?
Grässlin: Herr Schrempp setzt sich immer hohe Ziele, um nicht zu sagen zu hohe Ziele. Das
ist ja im Prinzip nicht falsch, wenn man sich ein hohes Ziel im Leben setzt, nur muss es
auch erreichbar sein. Im Fall von Herrn Schrempp ist das unerreichbar, denn er hat schon
1995 gesagt: »Ich will viel, viel erreichen und zwar schneller, schneller...« Ziel ist
es, Nummer eins auf der Welt zu werden im Automobilbereich, noch vor Ford, noch vor
General Motors. Damit hat man sich ein Ziel gesetzt, was zumindest mit diesen
Unternehmenstöchtern, die man aufgekauft hat, überhaupt nicht erreichbar ist, so dass
der Schrempp nicht nur ein Visionär, sondern eigentlich völlig überzogen ist und wenn
man so will jemand, der sich unerreichbare Ziele setzt und damit auch ein Schaden ist für
DaimlerChrysler. Was ursprünglich mal als Nutzen aussah, nach Reuter, ist heute sozusagen
zu einer Gefährdung des Gesamtkonzerns geworden. Man muss sich die Zahl vor Augen halten:
DaimlerChrysler ist inzwischen nicht einmal mehr 40 Milliarden Euro wert und damit
theoretisch sogar ein Übernahmekandidat geworden.
Spengler: Inwiefern spielt eigentlich eine Rolle, das, was die FAZ Herrn Schrempp gestern
vorwarf, nämlich eine Art Vetternwirtschaft aufgezogen zu haben?
Grässlin: Vetternwirtschaft ist sicherlich der richtige Begriff, nicht nur weil seine
Frau und Chefsekretärin Lydia Deininger exorbitante Gehälter erhält, sondern weil
natürlich auch der Vorstand, bis auf Herrn Gent, der nun ausgeschieden ist, ein Vorstand
ist von lauter Zöglingen von Herrn Schrempp. Es gibt also niemanden in diesem Vorstand,
der es wagen würde, Herrn Schrempp offen zu widersprechen. Wenn man es dann mal hinter
einer vorgehaltenen Hand oder über die Medien macht, dann passiert einem dass, was Herrn
Bernhard passiert ist: Man ist einmal nominiert und ist letztendlich nicht das, was man
werden will. Bernhard wollte Mercedes-Chef werden.
Spengler: Es bleibt nun Jürgen Hubbert,
wie wir seit gestern wissen. Sie haben ja schon vor drei Wochen offen auf der
Hauptversammlung den Rücktritt von Herrn Schrempp gefordert. Nun sieht es nicht danach
aus. Ist dieser Rücktritt nur aufgeschoben oder bleibt er jetzt einstweilen im Amt?
Grässlin: Er wurde ja vor wenigen Wochen vom Aufsichtsrat einstimmig für weitere drei
Jahre im Amt verlängert. Das heißt, wir müssten erst einmal erwarten, dass Herr
Schrempp bis 2008 im Amt bleibt. Prognostizieren würde ich das nicht, denn ich glaube,
dass die Zahlen von Chrysler vorgeschoben waren und die Entwicklung auf dem
nordamerikanischen Markt längst nicht so positiv ist, wie man sie gestern den
Aufsichtsräten mitgeteilt hat, so dass ich ein heißes Jahr 2005 erwarte, zumal die
Produktpalette von vorne bis hinten nicht stimmt, weder bei Chrysler, noch im Luft- und
Raumfahrtbereich. Sie müssen sich mal vorstellen, wir haben bei DaimlerChrysler einen
absoluten Gemischtwarenladen, wo Unterklassefahrzeuge bis hin zu Eurofighter und Landminen
hergestellt werden. Das passt alles nicht zusammen, gibt keinen Sinn, widerspricht sogar
Schrempps Philosophie, der immer gesagt hat, »mein Vorbild ist Jack Welch«. Jack Welch
ist ein Manager in den USA, der alles abgestoßen hat, was nicht zum Kerngeschäft
gehörte. Schrempp ist längst nicht so konsequent und schadet damit dem Konzern.
Interview im Deutschlandfunk vom
30.04.2004
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