Zeitungsbericht »Schrempps Schatten«
in der Berliner Zeitung vom 04.08.2005
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zu Jürgen E. Schrempp
»Schrempps
Schatten«
von Christian Lipicki
BERLIN, 3. August. Die Nachricht überraschte selbst engste Mitarbeiter. Vor einer Woche
gab DaimlerChrysler-Konzernchef Jürgen Schrempp bekannt, dass er seinen Vertrag vorzeitig
beenden und Ende des Jahres aus dem Konzern ausscheiden wird. Ein Unternehmenssprecher
begründete den Schritt so: »Die Hauptprobleme sind jetzt gelöst. Es ist jetzt ein guter
Zeitpunkt, um zu gehen.«
Ein guter Zeitpunkt? Trotz
erfolgreicher Sanierung bleibt der US-Hersteller Chrysler wegen des schwierigen Marktes
ein Risikofaktor. Mit dem Stopp des Engagements bei Mitsubishi scheiterte ein wichtiger
Teil der Welt AG. Die einst als Inbegriff für Solidität geltende Marke Mercedes-Benz
kämpft noch immer mit Imageproblemen, weil Qualitätsdefizite auftraten. Und die
Kleinwagenmarke Smart verbrennt weiterhin mehr Geld, als sie für den Konzern einfährt.
Manche der Probleme sind gelöst, andere nicht. Die Frage bleibt: Warum verlässt einer
der mächtigsten deutschen Konzernführer gerade jetzt seine Kommandobrücke?
Vieles ist denkbar: Vielleicht sieht Schrempp den Zeitpunkt seines Ausscheidens wirklich
als günstig an, weil er ahnt, dass der Konzern künftig schlechter dastehen könnte. Mag
auch sein, dass Schrempp genug hat und sich keinen weiteren Anfeindungen mehr aussetzen
will. Auf jeden Fall will er den Konzern in Ehren verlassen.
Das Magazin Stern brachte nun den Namen von Wolfgang Schrempp, dem jüngeren Bruder des
Konzernchefs, in Zusammenhang mit Graumarktgeschäften. Dabei werden Fahrzeuge, die über
das normale Händlernetz nicht abzusetzen sind, mit hohen Rabatten an mitunter dubiose
Firmen abgegeben. Diese Praxis wird bei vielen Herstellern geduldet. Dabei verdienen vor
allem die Zwischenhändler. Wolfgang Schrempp ist für den Vertrieb von DaimlerChrysler in
Italien zuständig und war zuvor Leiter der Mercedes-Niederlassung München. Die
Spekulationen sind insofern prekär, weil die Staatsanwaltschaft Stuttgart derzeit gegen
17 frühere Mitarbeiter von DaimlerChrysler und Außenstehende wegen Unregelmäßigkeiten
innerhalb der Vertriebsorganisation des Konzerns ermittelt. Eine Behördensprecherin
sagte, es sei noch nicht klar, ob und wann es zu einer Anklage kommt. Sie betonte
zugleich: »Gegen Wolfgang Schrempp wird nicht ermittelt.«
Ein Konzernsprecher sagte, »im Abschlussbericht der Konzernrevision zu
Unregelmäßigkeiten in der Vertriebsorganisation taucht der Name Wolfgang Schrempp nicht
auf«. Und weiter: »Eine Beteiligung an dubiosen Geschäften können wir total
ausschließen.«
Dem Sprecher der Kritischen Aktionäre DaimlerChrysler, Jürgen Grässlin, reichen diese
Antworten nicht. »Viele Spuren in der Graumarkt-Affäre führen zu Wolfgang Schrempp«,
behauptet er. »Wie es aussieht, ist er stärker in den Fall verstrickt, als heute
sichtbar ist. Das Zentrum der Graumarktgeschäfte in den Jahren 1995 bis 1999 soll in der
Mercedes-Niederlassung München gewesen sein.« Was ist, so fragt Grässlin, wenn der seit
einem Jahr amtierende Mercedes-Chef und Schrempp-Vertraute Eckhard Cordes auf diese
Zusammenhänge gestoßen ist und diese publik machen wollte? Cordes hatte es sich bei
seinem Amtsantritt zur Aufgabe gemacht, die Affäre aufzuklären.
Nachdem Jürgen Schrempp sein Ausscheiden aus dem Konzern bekannt gab und Chrysler-Chef
Dieter Zetsche als Nachfolger benannt wurde, kam heraus, dass auch Cordes den
DaimlerChrysler-Aufsichtsrat um die vorzeitige Auflösung seines Vertrages gebeten hat.
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