Dr. Franz Alt
Fax: 07221-25064 Bürger - zur Sonne, zur Freiheit !
Rede von Franz Alt bei der Bundesdelegiertenkonferenz der "Grünen" in Karlsruhe am 18.03.2000Vor zwölf Jahren bin ich aus der CDU ausgetreten, weil Helmut Kohl damals die These vertrat: Atomenergie ist moralisch vertretbar. Nun lese ich im Vorfeld dieses Parteitags, die rot-grüne Bundesregierung gebe eine Hermes- Bürgschaft für die Lieferung deutscher Atom-Technologie nach China, Litauen und Argentinien. Dieser Beschluss ist vielleicht ein Segen für Siemens, aber ein GAU für die Glaubwürdigkeit der Grünen. Sie können Ihre gesamte Ausstiegs-Diskussion hier vergessen, wenn Sie als Regierungspartei den atomaren Groß-Einstieg in China unterstützen. Jedes Atomkraftwerk irgendwo auf der Welt ist eine Gefahr für die ganze Welt. Atom-Müll ist in China so wenig zu entsorgen wie in Deutschland. Die chinesische Regierung schafft heute ihren Atommüll weitgehend nach Tibet, hat mir der Dalai Lama mal in einem Fernsehinterview gesagt. Liebe Grünen-Freunde, was würde wohl Petra Kelly zu einem rot-grünen Segen für ein Atomgeschäft in China zu Lasten Tibets sagen? Seit Tschernobyl, also seit 14 Jahren ist der Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland mehrheitsfähig. Und noch entschieden mehrheitsfähiger ist der Einstieg in erneuerbare Energien. Shell-Studie: 78 Prozent der jungen Deutschen sagen auf die Frage, was die wichtigste Zukunft-Technologie sei: Technologien zum Gewinnen von erneuerbarer Energie. Erst danach nennen die jungen Deutschen unter 30 "Computer" und "Internet". Warum aber ist bei der Überlebensfrage der Energiewende der Profit der Energie-Konzerne wichtiger als die Interessen der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger? Warum geht auch die jetzige Bundesregierung vor der Atomlobby in die Knie? Seit acht Jahren gibt ist mit den Stromversorgern sogenannte Konsens-Gespräche. Ergebnis: Null. So konnte vor einem halben Jahr einer der führenden deutschen Atomlobbyisten bei uns im Fernsehen frohgemut verkünden: "Deutsche Regierungen kommen und gehen, aber deutsche Atomkraftwerke bleiben bestehen." Die Konsens-Ideologie erweist sich, je länger an ihr festgehalten wird, als Nonsens-Philosophie. Es ist eben grundsätzlich unmöglich, mit der Metzgerinnung einen Konsens über die Einführung des Vegetarismus zu erreichen. Die breite atomkritische Öffentlichkeit setzt auf ökologische Alternativen. Und das heißt konkret und praktisch: Schluss mit dem Theater der Konsens-Gespräche. Raus aus der selbst gestellten Konsens-Falle. Joschka Fischer und Jürgen Trittin: Lassen Sie sich nicht länger zu Sklaven von ergebnislosen Konsens-Gesprächen machen. Sie haben es lange genug versucht, aber nun ist hinlänglich bewiesen: dieser Weg bringt keinen wirklichen Ausstieg. Sie sollten natürlich nicht das Ziel des Atomausstiegs aufgeben, wohl aber den bisherigen Weg. Die Alternative ist offensichtlich - und zwar ohne die Gefahr, Entschädigungen zu riskieren. Der einfachste und systemkonformste Weg ist der, den der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer und die ÖDP vorgeschlagen haben. Machen Sie den weiteren Betrieb von Atomkraftwerken wirtschaftlich uninteressant. Gehen Sie dabei konsequent einen marktwirtschaftlichen Weg in vier Schritten:
Ich habe Michail Gorbatschow in einer Fernsehsendung gefragt, was der GAU in Tschernobyl der russischen Volkswirtschaft insgesamt gekostet habe. Er sagte, etwa 500 Milliarden Mark. Das ist 1000 mal mehr als die derzeitige Versicherungssumme eines deutschen AKW.
Die vorgeschlagenen vier Schritte bedeuten, dass Atomstrom nicht länger zu einem privilegierten Preis, sondern zu einem realistischen marktwirtschaftlichen Preis verkauft wird und das wäre dann mittelfristig etwa eine Mark pro Kilowattstunde. Muss wirklich erst der nächste GAU passieren bis Atomkraftwerke endlich realistisch versichert werden! Schon 1995 hat die Enquete-Kommission des Bundestags "Zum Schutz der Erdatmosphäre" errechnet, dass die Gefahren eines Kernschmelz-Unfalls in Deutschland bis zum Jahr 2010 1:100 beträgt. Das atomare Restrisiko ist höher als die Gefahr eines Flugzeugabsturzes. Null Risiko gibt es nicht!
Das 20. Jahrhundert ist durch zwei große atomare Katastrophen gekennzeichnet: Hiroshima und Tschernobyl. Die Atomwirtschaft behauptet, schon aus Klimaschutzgründen bräuchten wir die Atomenergie - denn die fossilen Energieträger als Ersatz für die Atomenergie seien ja verantwortlich für den Treibhauseffekt! Dieses Argument von dieser Quelle ist schon deshalb nicht überzeugend, weil die Betreiber von Atomkraftwerken weitgehend identisch sind mit den Betreibern von fossilen Kraftwerken.
Die Alternativen zur Atomenergie sind natürlich nicht Kohle, Gas und Öl, sondern Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Erdwärme und BHKW. Es gibt überhaupt keinen Grund für mehr fossile Energieverbräuche, wenn wir auf AKW verzichten.
Wir brauchen keine halbe, sondern eine ganze Energiewende. Das heißt: in etwa 50 Jahren kann und muss alle Energie in Europa regenerativ erzeugt werden. Wenn es heute abend bei uns in der ARD eine ökologisch realistische Tagesschau geben würde, dann müßten meine Hamburger Kolleginnen und Kollegen folgendes sagen:
Auch heute wieder
Wir verbrennen heute über Kohle, Gas, Öl und Benzin an einem Tag, was die Natur in 500. 000 Tagen an diesen fossilen Rohstoffen geschaffen hat.
Wir führen - hauptsächlich wegen unserer falschen Energiepolitik - einen Dritten Weltkrieg gegen die Natur.
Das sind die ersten Häuser, die doppelt soviel Energie über ihre Dächer und Wände produzieren wie in diesen Häuser verbraucht wird. Jeder intelligente Hausbauer kann in Zukunft ein Energieverkäufer sein und mit seinem Energieverkauf Geld verdienen.
Die Sonne schickt uns keine Rechnung und Das einzige, was wir lernen müssen ist, die kostenlosen Geschenke der Natur und des Himmels anzunehmen. Die Lösung steht am Himmel. Meine Damen und Herren, wir brauchen Garzweiler II so wenig wie die Atomkraft in Deutschland. Eine Studie im Auftrag der Europäischen Kommission, erstellt von fünf wissenschaftlichen Instituten in Europa, kommt zum Schluss, dass bis 2050 die solare Energiewende vollendet sein kann. Die einzelnen Schritte könnten so aussehen:
So ein realistisches Energie-Szenario der Europäischen Kommission für das Jahr 2050! In eine ähnliche Richtung weisen inzwischen bereits die Energie-Szenarien von Shell und BP. Beide Vorstände haben angekündigt, sie würden in den nächsten Jahrzehnten ihre heutigen Ölkonzerne zu Solarkonzern umbauen. Die Internationale Energie-Agentur schätzt, dass das Erdöl noch etwa 40 Jahre reicht, das Erdgas noch etwa 50 und Uran noch etwa 60 Jahre, Kohle etwa 100 bis 120 Jahre. Realist, ist wer davon ausgeht, dass in den nächsten Jahren Energie aus atomaren und fossilen Kraftwerken entschieden teurer und erneuerbare Energie entschieden billiger als heute werden wird. Die Ökonomen werden lernen, mit der Sonne zu rechnen. Eine moderne ökologische Ökonomie wird lernen, dass die Sonne die einzige Einnahmequelle unseres Planeten ist - alles andere ist Ausbeutung knapper Ressourcen und damit weder ökologisch noch ökonomisch.
Die Sonne aber schickt uns jeden Tag 15.000 mal mehr Energie als alle sechs Milliarden Menschen zur Zeit verbrauchen. Die Alternative ist denkbar einfach: Wollen wir Energie, welche die Umwelt zerstört, in 40 oder 50 Jahren zu Ende ist und nach allen Gesetzen der Marktwirtschaft schon deshalb immer teurer werden wird?
Oder steigen wir um auf eine Energiequelle, die noch 4,5 Milliarden Jahre funktioniert und kostenlos und umweltfreundlich ist? Die alten Energiequellen konnten nur an wenigen Orten angezapft werden. Deshalb waren riesige Versorgungsketten rund um den Globus nötig. Lasst uns die alten Ketten sprengen. Erneuerbare Energien gibt es überall und in Fülle. Die Sonne scheint auf jedes Dach. Licht gibt es an jeder Hauswand.
Das Solarzeitalter beginnt, wenn viele Menschen es wirklich wollen.
Wer, wenn nicht die Grünen, könnten aus diesem Stoff ihre künftigen Wahlerfolge organisieren. Das Motto künftiger Wahlerfolge wird heißen: Bürger - zur Sonne, zur Freiheit ! |
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